Dominik kardinál Duka OP 
arcibiskup pražský

Ansprache im Kloster Geras

Ansprache im Kloster Geras

Msgre Dominik Duka OP hat die Einladung angenommen am 20. Oktober 2011 in Kloster Geras am Fest des sel. Jakob Kern OPraem die Ansprache zu halten.

26. Oktober 2011
Ansprachen / Vorlesungen

Der selige Jakob Kern erinnert uns an die Schicksale der Kirche in Böhmen seit dem ersten erhaltenen Dokument, nämlich dem Schreiben der Markomannenkönigin Fritigilde an den heiligen Ambrosius zwecks Instruktionen zur Taufe Erwachsener. Spuren vom Christentum sind in Böhmen bereits vor dem Wirken der heiligen Kyrill und Method zu finden. Diese Spuren stammen sowohl aus der keltischen wie auch aus der germanischen Vergangenheit des Landes, außer ihnen ist in Böhmen auch die Anwesenheit byzantinischer Kaufleute belegt, unter anderem durch eine Pyxis aus dem fünften Jahrhundert mit Abbildung des Apostels Paulus. Überaus deutlich kommt die Präsenz des Christentums zum Ausdruck in der Taufe von vierzehn böhmischen Stammesfürsten in Regensburg im Jahre 845. Unser Land wurde zum Kreuzungspunkt, zum Treffpunkt des östlichen und des westlichen Ritus in der Zeit der Einheitskirche. Aufgrund der Entscheidung des heiligen Wenzels, des Landesfürsten, schloss sich unser Land endgültig der westlichen Welt an.

Unsere Kulturgeschichte gehört zur Geschichte des westlichen Christenums oder, wenn Sie wollen, des westlichen klerikalen Europas, und in diesem Geist verläuft die Christianisierung mit allen für Mitteleuropa typischen Peripetien. Die hussitische Bewegung, der Protestantismus, die barocke Reform, die Aufklärung sowie der Modernismus beeinflussten das Leben der Kirche sowie deren Klerus. Die Treue gegenüber dem Wort Gottes, die Inkulturation wie auch der Nationalismus als Trieb des nationalen Bewusstseins gehören zum Leben tschechischer Geistlicher. Dies alles galt in dem Raum, den de facto drei ethnische Elemente bildeten, das tschechische, das deutsche und das jüdische, bis zu dem unheilvollen Zweiten Weltkrieg. Mit den sich daraus ergebenden, das Vergangene sowie das Gegenwärtige widerspiegelnden Problemen werden wir immer wieder konfrontiert.

Der selige Jakob Kern lebte sein Priesterleben in der österreichisch-ungarischen Monarchie an der Wende vom neunzehnten zum zwanzigsten Jahrhundert, in einer Zeit, in der es schien, dass die traditionelle Gestalt der Kirche der Vergangenheit angehörte; und die nationale Eigenständigkeit, gestärkt durch die Moderne, der es trotz mancher bedeutenden Anregungen an Demut Weiser und an Besonnenheit Erfahrener mangelte, hat in der tschechischen katholischen Kirche zu einer tragischen Eruption geführt. Die enorm gestiegene Zahl von Priesterberufen in der zweiten Hälfte des neunzehnten Jahrhunderts bedeutete eine inadäquate Ausbildung von beinahe zwei Priestergenerationen; dies hatte eine gewisse intellektuelle Unausgeglichenheit zur Folge. In erster Linie im Bereich der Theologie, jedoch auch in der sozialen Ungleichheit der Priesterklassen. Fast ein Viertel der Einwohner Böhmens tschechischer Nationalität und zehn Prozent in Mähren haben sich von der römisch-katholischen Kirche getrennt und eine nationale Kirche mit unausgeglichener, man kann sagen mit vager theologischer Grundlage gebildet. Mehr als zehn Prozent katholische Priester gingen zu der neuen Kirche über, recht viele verließen ihren Beruf. Dieses Phänomen ist im Rahmen der postkonziliaren Entwicklung in mehreren Ländern in der zweiten Hälfte des zwanzigsten Jahrhunderts zu beobachten. Eine solche Gefahr droht immer dort, wo es an echtem, wahrem Geist, an Demut und an wirklicher Verankerung in der Weisheit der Kirche  mangelt, am Gotteswort, interpretiert mit weiser Lebenserfahrung und mit aus unserem geschichtlichen und kulturellen Erbe herrührenden metaphysichen und ethischen Prinzipien.

Das Lebensopfer des seligen Priesters Jakob Kern stellte eine Herausforderung für die Kirche in Böhmen dar, vor allem für die Priester, aber auch für viele Ordensbrüder nach dem Ersten Weltkrieg, nach dem Zerfall der Monarchie, der die erwähnten Phänomene mit sich gebracht hat.

Das Lebensopfer des Jakob Kern kann jedoch eine Herausforderung auch für die Kirche in Österreich heute sein. Wir wollen beten, die Fürsprache des seligen Jakob Kern möge die Kirche in Österreich und in Böhmen segensreich begleiten. Eucharistie und Marienverehrung, diese Blüten der Spiritualität der Prämonstratenser, auf denen er sein geistliches Leben aufgebaut hat, sind gestern wie heute genauso wichtig. Amen.

Msgr. Dominik Duka OP