Dominik kardinál Duka OP 
arcibiskup pražský

Die Kirche – eine neue Chance in und für Europa

Die Kirche – eine neue Chance in und für Europa

Prager Erzbischof Kardinal Dominik Duka OP hat am 28. November 2012 einen Vortrag für Mitglieder der Österreichisch-deutschen Kulturgesellschaft in Wien gehalten.

5. Dezember 2012
Ansprachen / Vorlesungen

Sehr verehrte Mitglieder der Österreichisch-deutschen Kulturgesellschaft, sehr geehrter Herr Professor Schambeck, sehr verehrte Repräsentanten der österreichischen Bischofskonferenz, meine Damen und Herren, liebe Gäste!

Erlauben Sie mir, mit herzlichem Dank an Herrn Professor Schambeck zu beginnen. Er war so freundlich und hat die Einladung Ihrer Gesellschaft, einen Vortrag in Wien zu halten, an mich weitergeleitet.

Wenn ich mich mit der Frage „Kirche als Chance für und in Europa“ beschäftigen soll, will ich mir zunächst im Sinne des Kooperationsmodells für Kirche und Gesellschaft folgende Frage stellen: Was hat Europa der Kirche gegeben? Oder: War Europa eine Chance für die Kirchen bei Anbruch deren Geschichte? Es war der Apostel Paulus, der die Grenzen Europas überschrittten und die erste Europäerin Lydia getauft hat. Genauer genommen sollte hier vielmehr über Griechenland und daher über eine Griechin die Rede sein. Wir wissen jedoch, dass es zu einer wirklichen Begegnung mit der hellenischen Kultur bereits im ägyptischen Alexandrien kommt, wo die jüdische Diaspora zum Ort nicht nur der Übersetzung der Bibel, des Tanach, ins Griechische wurde, sondern auch der Septuaginta. Die griechische Übersetzung mit den deuterokanonischen Büchern stellt keine bloß sprachliche Übersetzung dar, denn vor allem das Buch der Weisheit und das Zweite Buch der Makkabäer sind ein Versuch der Hinüberleitung des Tenach in die Paradigmen des hellenischen Denkens, und zwar mit ausgeprägter Vertretung der Nikomachischen Ethik mit ihren moralischen Tugenden sowie der Interpretation der Aristotelischen Kosmologie im Geiste des Hylemorphismus, und sogar mit der Definition des Verbs bara> – schöpfen, d. h. aus nichts schaffen. Die Begegnung mit dem Hellenismus hatte allerdings nicht bloß die Gestalt einer intelektuellen Diskussion, sondern, wie es das Erste Makkabäer-Buch zeigt, ging es um eine Auseinandersetzung in Jerusalem selbst, die sogar auch auf den Dialog Jesu mit den Sadduzäern, den Anhängern der hellenistischen Interpretation des Judaismus, Einfluss nahm.

Jemand könnte einwenden, ich habe irrtümlicherweise die Grenzen zwischen der Existenz der Kirche und dem Judentum überschritten. Ich muss mich hier auf die Äußerung des Papstes Pius des Elften in Castel Gandolfo im Herbst 1938 berufen, als Adolf Hitler nach dem Münchner Diktat bei Mussolini in Rom zu Besuch war. Der Papst hatte den Vatikan verlassen, die Schließung der Basiliken angeordnet und in der Rede an die in seinem Sommersitz versammelten Wallfahrer den semitischen Hintergrund der Kirche hervorgehoben. Wenn wir über die Kirche in Europa sprechen, muss man sich der Tatsache bewusst sein, dass es die europäischen Synagogen waren, wo das christliche Kerygma das erste Mal erklungen ist. Die griechsiche Bibel, die Septuaginta, ist zur Bibel der ursprünglichen Kirche in den ersten Jahrhunderten geworden und hat auch vor allem nach der Christenverfolgung unter Nero die endgültige Trennung von der Synagoge ermöglicht. Dieser Schritt war schmerzvoll, wie es auch der Apostel Paulus geahnt hatte, aber historisch notwendig. Es hat keine andere Lösung gegeben, das Kerygma des Paulus folgt der alexandrinischen Diaspora. Dies ist der Grund, warum kein Dialog mit der hellenistischen Religion geführt wird und dem wahren Sohn Israels ein Weg angeboten wird mit Hilfe eines philosophischen Paradigmas vor allem in möglicher monotheistischer Auffassung. Die Nikomachische Ethik ermöglicht einen Aufbau individueller Ethik für die aus dem Heidentum stammenden potentiellen Christen, wo der Katechumene die Entscheidung für sich selbst trifft als Einzelner, oft ohne Familie, ohne Stammes- und ethnische Traditionen. Später, während der Christianisierung des neuen Europa der Germanen, Kelten und Slawen, wird im Gegenteil der Dekalog und das sittliche Gebot die Ethik persönlicher Tugenden überwiegen, was keine Verurteilung, sondern die Akzeptanz der Realität in neuen Konnotationen ist, als die Stammesgemeinschaften näher der heimatlichen und seminomadischen Geschichte der Israeliten der Zeit des Mose und der Richter standen. Das Zusammenleben der Kirche und der Synagoge im mittelalterlichen Europa hat die Notwendigkeit einer Reflexion hervorgerufen, und Augustinus´ Tolerierung der Synagoge als messianischer Beweis über Jesus Christus begründete zusammen mit dem römischen Rechtsinstitut des im Justinianischen Kodex verankerten Privilegs die respektierte Toleranz gegenüber der jüdischen Kommunität mit bestimmtem Maß an Exklusivität. Toleranz nahm jedoch oft die Gestalt eines tragischen Ghettoschicksals an.

Andererseits fand Augustinus´ Einteilung der zehn Gebote, eine verkürzte Form des Dekalogs, ein Echo im Leben der Synagoge mit ausgeprägt betonter Unterschiedlichkeit von den übrigen Teilen der Tora. Die Begegnung der antiken kreisförmigen Zeitauffassung mit der biblischen, linear eschatologischen, ermöglichte, wie Pater Dr. Richard Čemus schreibt, die Entstehung dessen, was der europäischen oder, wenn Sie wollen, der westlichen Zivilisation eigen ist: „Allein die Tatsache, dass die Erde und das Weltall  an ihr Ende gelangen werden, ist bereits einer Betrachtung wert. Dass die Welt aus nichts entsteht, sich entwickelt und untergeht, – dass es also Geschichte gibt, die beginnt und endet und zu einem bestimmten Ziel führt, diese Erkenntnis verdanken wir den jüdisch-christlichen Wurzeln unserer europäischen Zivilisation. Das akademische Jahr am Institut für christliche Wissenschaft in Rimini eröffnete ein gewisser Musikologe, der gezeigt hat, dass ohne die biblische Geschichtsauffassung keine einzige Symphonie von Mozart oder Beethoven hätte entstehen können. Im Vergleich zum Beispiel mit der indischen Musik, die gleichsam ohne Anfang und Ende strömt, besitzt jede Symphonie einen festen dramatischen Aufbau: Anfang, Kulmination und Abschluss. So ist es auch mit der Heilsgeschichte; bereits der Begriff selbst sagt aus, dass das Heil geschichtlich ist, folglich stufenweise, wachsend, gipfelnd und zum Ziel führend, langsam, weil in der Zeit.“

In ihrem Bemühen, die Offenbarung Gottes der christlichen Bibel im Kontext der antiken Gedankenwelt zu deuten, vor allem in der Interpretation der Frage, wer Jesus Christus ist im Zusammenhang mit dem Verstehen der Heiligsten Dreifaltigkeit, führten die sieben ökumenischen Konzile zur Entstehung von Grundbegriffen, ohne die sich der Mensch, die Humanität, die Transzendenz oder die Immanenz Gottes nicht definieren lassen; ebenso auch nicht das Verstehen von Freiheit, von Gemeinschaft, von Bedeutung der Frau – der Mutter und des Kindes, als Recht und Würde des Menschen.

Eine zweite Perzeption der Antike, insbesondere des Aristotelischen Erbes, bringt die Geburt der westlichen Zivilisation. Die lateinische Kirche verband griechische Philosophie und römisches Recht mit der baulich-strukturellen Lebensorganisation, wie es die Errichtung der Benediktinerklöster bezeugt (Sankt Gallen). Das dreizehnte Jahrhundert ist die Epoche der Kathedralen, der Universitäten und der weiblichen Diakonie – der Caritas. Die Kirche definiert sich durch die Triade: Liturgie, Katechese und Diakonie. Mit dieser Triade finden wir im Corpus christianorum ein sichtbares Kirchenpanorama, das bis heute gültig ist. Mir einer Interpretation der Bedeutung von Kathedrale und Universität würde ich hier nur Holz in den Wald tragen. Ich erwähne nur die weibliche Diakonie, repräsentiert im dreizehnten Jahrhundert durch gebildete Frauen von gesamteuropäischer Bedeutung: die heilige Elisabeth von Ungarn, die heilige Agnes von Böhmen, die heilige Zdislava, die heilige Hedwig von Schlesien aus Andechs, die heilige Kinga… Was höchst interessant ist: zwischen diesen Frauen gibt es ein verwandtschaftliches Band, alle haben sogar ihre Wurzeln in der ungarischen Árpád-Dynastie. Ich wage zu sagen, dass dies einen gewissen Beitrag unseres mitteleuropäischen Raumes darstellt, was sich über das Phänomen der Kathedrale und der Universität nicht behaupten lässt. Ja, es gab selbstverständlich Bischofs- oder Abtskirchen mit Schule und Spital, aber im Sinne unserer Auffasung gesehen, schafft das dreizehnte Jahrhundert im Rahmen der Steinurbanisierung zusammen mit der städtischen Mendikantendemokratie eine Eigenständigkeit der erwähnten Institutionen. Jene Frauen sind keine bloßen bedeutenden Sozialmitarbeiterinnen, sondern sie sind Stifterinnen selbstständiger Spitäler und deren umfangreichen Netzes. Die Symbiose der Struktur kirchlicher Stiftungen mit den Strukturen der feudalen Macht ermöglichte die Entstehung der Form des mittelalterlichen Staates: es entstehen Monarchien, Republiken, städtische Selbstverwaltungen, Land- und Lokaltage, die meistens in Mendikantenkonventen tagten.

Seit der Renaissance ist ein Wachstum der weltlichen Autonomie zu beobachten, was auch durch das Wachstum von Bildung innerhalb von Gesellschaftsschichten gegeben ist, beim Adel, beim Bürgertum sowie bei einem Teil der Landeliten. Beigetragen dazu hat der Buchdruck, jedoch auch das allgemeine Schulwesen, das eine große Rolle vom siebzehnten bis ins neunzehznte Jahrhundert gespielt hat. Ähnlich bedeutsam sehe ich auch die Rolle der Entwicklung sozialer Dienstleistungen: in der Epoche absolutistischer Aufklärungsregime, aber auch innerhalb des Liberalismus geht alles in die Hände des Staates über, der aus der Kirche und ihren Diensten, insbesondere jenen der Orden und Kongregationen, Nutzen zieht. Das neunzehnte und das zwanzigste Jahrhudnert zeigen jedoch, dass Europa zum Ort von Auseinandersetzungen wird und dass sich auch die gegenseitigen Positionen der Kirche und der laizistischen oder militant atheistischen Gesellschaft radikalisieren. Im Falle der enormen Belastungen in der Zeit des Ersten und des Zweiten Weltkrieges sowie der totalitatären Regime verschiedener Couleur stellt es sich heraus, dass die Kirche die Rolle einer ethischen und rettenden Komponente spielt und dies auch von ihr verlangt wird. Auch Bemängelungen – manchmal berechtigte – zeigen, dass unser Kontinent weiß, wo und was bei der Kirche oder den Kirchen zu suchen ist. In unserer zersplitterten Gesellschaft findet die Kirche auch heute noch ihren Platz, öffnet der ökumenischen Bewegung, den Weg, der zeigt, wie die konfessionellen Streitigkeiten zu bewältigen sind, die in der Vergangenheit Hilfe in einer autoritativen Lösung, im Schutz seitens des Staates suchten, statt einen Dialog in gegenseitiger Achtung zu führen.

Erst jetzt kann ich mich endlich zum gegebenen Thema äußern, also über die Kirche als Chance in und für Europa etwas sagen. Wir befinden uns in einer Situation, in der die Globalisierung und die dritte, größte Völkerwanderung stattfindet, in der unser Erdteil ins Wanken geraten ist und zum Opfer wirtschaftlicher Rezession und politischer Unsicherheit wird. Die Grundlagen der Europäischen Union wurden nach dem Zweiten Weltkrieg festgelegt, damals waren einzelne Schritte nötig, welche noch heute für manche als einzige Prinzipien gelten. Europäische Gemeinschaft für Kohle und Stahl, Gewährleistung des Friedens in Europa, das sind Tatsachen, aber keine Prinzipien. Wollen wir diesen Prozess der Schaffung einer Gemeinschaft verstehen, so wird uns bereits nur die Karte der ersten EU-Mitglieder verraten: es geht um Interpretation der Bemühungen Karls des Großen. Lasst uns den Aachener Dom besuchen und dessen Architektur, Ausstattung und Gestaltung auf uns einwirken. Wie Benedikt der Sechzehnte erwähnt hat, die Begründer der Europäischen Union sind nicht bloß die drei bekannten Manner: neben Konrad Adenauer, Alcide de Gasperi und Robert Schuman muss noch der General Charles de Gaulle genannt werden; dies ist auch wichtig, um die gegenwärtigen Diskussionen bei Integrierung neuer Mitglieder in die Gruppe der bestehenden zu verstehen. Am zutreffendsten kann uns mit den grundlegenden Prinzipien ein kleines Buch bekannt machen: „L´homme et l´État“, Mensch und Staat, von Jacques Maritain. Es ist nützlich um auch das zu verstehen, was die beiden Grundtragpfeiler sind, ohne welche die gegenwärtige Europäische Union nicht bestehen kann. Die Solidarität wird durch den Egoismus Einzelner sowie einer Reihe Gruppierungen gebremst. Die Subsidiarität wird oft durch einen beinahe lächerlichen Dirigismus ersetzt, der uns Bürgern postkummunistischer Länder fast nach einer aus der totalitären Ideologie herkommenden Diktatur stinkt. Dies ist keine Ablehnung Europas oder der Europäischen Union, sondern eine vernünftige Haltung, ohne welche die Demokratie logisch zerfallen und in einer ideologischen Hegemonie zugrunde gehen würde. Die kirchliche Soziallehre trägt in sich das kreative Erbe der besagten griechisch-römischen, in dem biblischen Milieu verankerten Tradition, gestützt auf die Symbiose von Kultur und Zivilisation des fruchtbaren Halbmondes, wo die Kulturen von Mesopotamien, Ägypten, Persien einander begegneten mit antikem Beitrag der mazedonisch-griechischen Dynastie Phillips von Makedonien und dessen Sohnes Alexanders des Großen sowie seiner Nachfolger. Aus diesem Erbe schöpfte und schöpft auch die islamische Kultur und Zivilisation, deren Anwesenheit in unserer gegenwärtigen Zeit eine große Herausforderung darstellt.

Unglückliche und manchmal naive Haltungen führen nicht zu Synergie, sondern zu Aggressivität und zu Unterdrückung  klassischer und liberaler Tradition oder zu einer der Zukunft nichts bringenden Koexistenz. Wo sind die großen Beispiele des dreizehnten Jahrhunderts – Spaniens mit drei Religionen? Es genügt die Theologische Summa des heiligen Thomas von Aquin zu öffnen – und bereits die zweite Questio Ut unum Deum sit, ob es Gott gibt, zeigt uns klar die Kreativität unserer eigenen westlichen Kultur. Wir sind mit Äußerungen islamischer und hebräischer Philosophen konfrontiert. Sind wir imstande, in der gegenwärtigen Zeit eine Parallele dazu zu präsentieren? Ich bin kein Fachmann, aber ich habe keine gefunden. Die Bedeutung der Familie und der religiösen Ehrfurcht vor dem Heiligen sowie die soziale Dimension des Gemeinschaftslebens haben ihre Analogien, aber auch bestimmte gemeinsame Quellen mit dem Islam. Die gegenwärtige Postmoderne und ihre Anthropologie wie auch die Soziologie des individuellen und gruppenmäßigen Egoismus ohne jegliche ethische Prinzipien können nicht Gegenstand des Dialogs sein. Im Gegenteil, verlangt wird Ablehnung, verbunden mit Abwehrreflexen, was in den erwähnten Kulturen katastrophale Auswirkungen haben kann; und dies geschieht bereits. Bei direktivem Vorgehen kann die Geltendmachung einiger Gesetze der EU einerseits zu einem gewaltsamen Widerstand führen, andererseits kann sie in unserer Gesellschaft Abwehrreaktionen hervorrufen, die bei extremen Positionen in eine Verbindung mit dem Gegner münden können.

Ich bleibe Optimist, aber der Abwehrreflex gehört zur verantwortungsbewussten Lebenshaltung. Ein häufiger religiöser Dialog mit dem Islam, Hinduismus, Buddhismus oder Taoismus kann sein und ist eine Herausforderung zu philosophischen und theologischen Reflexionen. Diese können eine Reihe von Fragen der Existenz Gottes vertiefen und beleuchten, zugleich aber auch zu einer mit Weltkenntnis verbundenen erforderlichen Reflexion führen. Das emotionale oder erlebnisgebundene Christentum mit einer bloß narrativen Theologie, die sich mehr oder minder auf der Ebene von Psychologie, Soziologie und beschreibender Religionistik bewegt, schafft einen kulturell-religiösen Analphabetismus. Vor allem ist dies die Ursache einer so großen Disproportion in der allgemeinen religiösen Bildung. Durch die Autonomie von Pfarrgemeinden, Diözesen, Ortskirchen zusammen mit der erneuerten Liturgie in nationalen und örtlichen Sprachen, bereichert um regionale Inkulturationselemente, sowie durch ihre historiche Entwicklung werden die  europäischen Regionen gestärkt und gefestigt und können sich gegen die zentralistischen und dirigistischen Versuche wehren, die das der europäischen Kultur und Zivilisation eigene Subsidiaritätsprinzip unterdrücken oder  verdrängen sollen. Die Fähigkeit eine Variabilität zu berücksichtigen ist auch der Weg zur Integrierung von Migranten. Davon zeugt die seelsorgerische und liturgische Eigenständigkeit der Immigranten und deren Kommunitäten in den Städten und Regionen Europas. Die dem Christentum eigene und in der römisch-katholischen Kirche entfaltete Katholizität, bestärkt auch durch das Zweite Vatikanische Konzil, gewährt bei Erhaltung von Regionalität und  Staatlichkeit im Rahmen der Bischofskonferenzen den Zusammenhalt und die erforderliche Einheit, die durch die historische Entwicklung petrifiziert ist und traditionsgemäß auch in die Neue Welt und die anderen Kontinente übergreift. Dadurch wird die europäische Form der christlichen Zivilisation am Bremsen der Entfaltung der übrigen Erdteile und an der Solidarität mit ihnen gebremst. Die gegenwärtige Urbanisierung, bei der der überwiegende Teil der Bevölkerung das Land verlassen hat, stellt für die Kirche eine Herausforderung dar, wie diese neuen Einwohnerschichten zu integrieren seien, denn sie hatten ihre alte Heimat verlassen, aber oft keine neue für sich gefunden. Davon zeugt die junge Generation, für die oft keine Einordnung da ist und die durch die Anonymität neuer Siedlungsgebiete in die Masse hineingtrieben wird. Dies ist vor allem die Situation armer Bevölkerungsschichten. So wie im dreizehnten Jahrhundert die Urbanisierung dank den Mendikantenorden gemeistert wurde, gibt es in der gegenwärtigen Zeit für die Kirche eine ähnliche , sonst aber ganz unterschiedliche Aufgabe. Die Kirche muss eine weniger institutionelle Form annehmen, aber eine beträchtliche Unterstützung bekommen, und dazu ist eine Mitarbeit der Bürger notwendig. Das verlassene Land steht als ein großes Rätsel vor uns, jedoch auch als Forderung, gewisse, immerhin angepasste Traditionsformen zu behalten. In der Situation einer ausgeprägten Atomisierung der Gesellschaft erscheint als sehr bedeutend die Personalisierung der Ethik; man darf jedoch nicht die gesellschaftliche Dimension des geistigen Lebens vergessen. Der Mensch ist auch im einundzwanzigsten Jahrhundert kein bloßes Individuum geworden. Hier bietet sich ein Raum für die wichtige Rolle sowohl elektronischer, als auch gedruckter Medien. Die Lösung überlasse ich entsprechend ausgebildeten Fachleuten. Alllgemein kann festgestellt werden, dass infolge des Wachstums neuer Technologien in Verbindung mit der massenhaften Hoch- und Mittelschulformation neue Interessen- und Gesellschaftsgruppen entstanden sind, die eine extensive kategoriale Seelsorge erfordern; diese wird jedoch nicht ohne neue Formen der religiösen Sprache möglich sein, die vielfach sehr diversifiziert und nicht immer verständlich ist. Es ist eine anspruchsvolle, bedeutsame Aufgabe und bringt in mancher Hinsicht auch Risiken mit sich. Das neue Herantreten an die Sache wird ein großes Maß an Geduld brauchen. Vor allem weil wir in der sehr hektischen Atmosphäre unserer Zeit leben.

Abschließend möchte ich an eine Tatsache erinnern: diese neuen, durch die erwähnte Globalisierung, die Migration und den enormen Wachstum neuer Technoligien hervorgerufenen Einflüsse und Trends haben in die Gesellschaft und in die Kirche große Spannungen, Befürchtungen, manchmal sogar Angst gebracht, vielfach auch Resignation und Flucht versursacht. Alle Lebenswahrheiten und religiöse Haltungen scheinen meistens dem Zweifel oder der Ablehnung zu begegnen. Polarisiert hat sich das in zwei Haltungen: Einerseits in eine sich auf den Traditionalismus stützende Flucht in die Vergangenheit, verbunden mit mangelnder Kenntnis des Lebens und der Geschichte der Kirche. Theologie ohne Tradition entbehrt Lebensdynamik

und -kreativität. Es entsteht dann eine Art paralytisches Museum. Andererseits kommt zusammen mit den Befürchtungen auch eine Resignation vor, die bemüht ist, sich selbst zu überwinden, indem sie utopisch nach neuen Wegen in die Zukunft sucht, unfähig die wirklichen Probleme zu reflektieren. Beide Formen sind wohl ein kleineres Übel als totale Resignation und Untätigkeit, deren wir in der Kirche sehr oft begegnen, über die aber nicht allzuviel geschrieben wird, weil sie medial nicht sehr interessant sind. Eine der Kardinaltugenden,von der die Nikomachische Ethik sowie die Theologische Summa des Thomas von Aquin wussten und die auch der Katechismus der katholischen Kirche kennt, ist die Tapferkeit. Unsere Gegenwart bietet keinen Raum für Kämpfertapferkeit, erfordert aber Geduld, eine aus der Tapferkeit erwachsende und auf Glaube, Hoffung und Liebe gründende Tugend. Auf diese Haltung kann keine Gemeinschaft verzichten. Unsere Versuche, die geschilderte Situation institutionell zu überwinden, führen zu einer bürokratisierten Kirche mit ständigen Konsultationen, Kommissionen, fiebrigem Erlassen immer neuer Vorschriften und Hinweise. Es ist klar, dass das keine Hilfe bringt. Die Kirche braucht Stärkung der religiösen Bildung und personalistische Formation des Einzelnen. So war es auch schon immer. Ich glaube, so ist es auch heute, aber die gegenüber dem Jahr 1966 doppelte Zahl der Katholiken in der heutigen Welt erfordert auch eine doppelte bis dreifache Zahl bedeutsamer, charaktervoller, im Glauben fester Persönlichkeiten. Dies war auch der Appell, mit dem sich mittels Selig- und Heiligsprechungen der selige Papst Johannes Paul der Zweite an unsere gegenwärtige Gesellschaft gewandt hatte.

Vielen Dank für Ihre Aufmerksamkeit und Geduld.