Dominik kardinál Duka OP 
arcibiskup pražský

Europa atmet mit beiden Lungenflügeln: Renovabis fördert Begegnungen

Europa atmet mit beiden Lungenflügeln: Renovabis fördert Begegnungen

Prager Erzbischof Dominik Duka OP hat am 2 December 2010 am Treffen von Renovabis in Freising teilgenommen. In seiner Rede hat er über „Gabenaustausch zwischen Ost und West im Sinne der Frage:Was können wir voneinander lernen?“ gesprochen.

6. November 2011
Ansprachen / Vorlesungen

Unlängst fand in Prag eine feierliche Begegnung statt, deren Ziel es war, an den Austausch von Briefen zwischen der Tschechslowakischen und der Deutschen Bischofskonferenz vor zwanzig Jahren zu erinnern. Neben dem Schreiben, mit dem sich Präsident Václav Havel kurz nach dem Sturz des kommunistischen Regimes beim deutschen Volk für das ihm in der Nachkriegszeit zugefügte Unrecht entschuldigt hatte, war es die Erklärung Kardinal František Tomášeks Anfang des Jahres 1990, die einen Prozess der Versöhnung zwischen den beiden Völkern, dem deutschen und dem tschechischen, einleitete. Es ist heute ganz offenkundig, dass in diesem erfolgreichen Prozess einer Wiederannäherung zweier europäischer Völker die Kirche eine grundlegende Rolle gespielt hat. Während seines jüngsten Besuchs in der Tschechischen Republik hat dies auch der deutsche Bundespräsident Christian Wulff erwähnt.

Die Erneuerung eines Dialogs mit Westeuropa nach 1989 bedeutete für uns vor allen Dingen einen Versuch zu unternehmen, gute nachbarliche Beziehungen insbesondere mit dem vereinten Deutschland anzuknüpfen. Eine Versöhnung mit dem Land, dessen Geschichte für die Formung unserer eigenen Kultur die wichtigste war, stellte einen unumgänglicher Schritt dar auf dem Weg zur Wiederübernahme der Verantwortung für die gemeinsame Geschichte Europas, zu der immer auch unsere Länder ihren Beitrag leisteten. Es war notwendig, erneut eine Kultur guter Partnerbeziehungen, gegenseitiger Achtung und  gegenseitigen Verständnisses mit den anderen europäischen Ländern zu entwickeln. Meines Erachtens kann und muss in diesem Bereich, jedoch auch im gemeinsamen Suchen nach dem, was es bedeutet Europäer zu sein, die Kirche ihre Rolle spielen, wie sie sie jahrtausendelang bis auf den heutigen Tag gespielt hat. Die Aufgabe der Kirche ist es Brücken dort zu bauen, wo es nicht gelingt die Annäherung mit politischen Mitteln zu erreichen, sowie dort, wo Unstimmigkeiten zum Beispiel aus wirtschaftlichen Gründen entstehen.

Wenn ich über die Beziehungen und die gegenseitigen Beeinflussungen zwischen Ost und West reden soll, kann ich nicht die Tatsache außer Betracht lassen, dass gerade die böhmischen Kronländer als jenes Gebiet gelten, wo solche Begegnungen stattfanden. Die Mächte des Ostens und des Westens haben um diese Länder nicht nur gekämpt, sondern hier trafen die Kultur des Ostens sowie die des Westens immer fruchtbar aufeinander. Die Tschechen sehen sich selbst nicht als Osteuropäer. Genausowie manche unserer Nachbarn pflegen wir zu sagen, dass wir im Herzen Europas leben, wo sich die Kultur vermittelnden Wege aus West nach Ost und umgekehrt kreuzten.

Es handelte sich nicht bloß um Wege von Kulturen. Die ersten Spuren des Christentums haben auf unserem Gebiet die aus Bayern kommenden Missionen gegen Ende des achten Jahrhunderts hinterlassen. Eine grundlegende Bedeutung hatte für die kulturelle Entwicklung nicht nur im Großmährischen Reich, sondern  in ganz Osteuropa um die Hälfte des neunten Jahrhunderts die Mission der heiligen Kirill und Method. Nach mehrjährigem Wirken in Großmähren begaben sich die beiden Brüder nach Rom und erreichten vom Papst Hadrian dem Zweiten die Zusage, dass die slawische Sprache als eine zweite liturgische Sprache anerkannt werde; dies hat dann Papst Johannes der Achte bestätigt. Der Tod Methods bedeutet das Ende der Epoche der slawischen Liturgie in Großmähren; die altslawische Sprache (in angepasster Form) lebt jedoch bis heute in der orthodoxen Liturgie der slawischen Länder. Bis zur Errichtung des Prager Bistums waren die böhmischen Länder wiederum dem „westlichen“ Bistum Regensburg unterstellt.

Der auf unserem Gebiet stets in irgendeiner Gestalt gegenwärtigen Kirillo-methodianischen Tradition stand auch der im April dieses Jahres verstorbene Kardinal Tomáš Špidlík nahe. Als einer der größten Kenner der slawischen Spiritualität verfocht er stets die Originalität der östlichen Spiritualität und deren Bedeutung für die Kultur des Westens. In diesem Zusammenhang sprach er von deren „Beitrag eines echten Personalismus und einer Kultur des Herzens“. Špidlík, dessen Interesse auch dem Europa von heute galt, stellt die Frage, ob das, was europäische Kultur genannt wird, sich irgendwie nicht bereits erschöpft habe. Er bietet eine „Spiritualität des Herzens“ an als Gegenteil der westlichen Rationalität und ihrer Sehnsucht nach vollendeter Ordnung. Oft im Gegensatz zum westeuropäischen Streben nach Erlangung einer Ideologie- und Jurisdiktionseinheit weist er auf die lebendigen persönlichen Beziehungen innerhalb der großen Familie des Gottesvolks hin, wie er sie in den Werken großer russischer Denker fand. Das Werk des tschechischen Kardinals Tomáš Špidlík bestätigt gleichsam den Umstand, dass das Begegnen zwischen Ost und West zu unserer Kultur gehört; es war dies auch immer ein Thema, dem sich die großen Denkergestalten unseres Volkes widmeten.

Unser Land als Kreuzungspunkt möchte ich jetzt von einem anderen Blickpunkt aus betrachten, nämlich im Zusammenhang mit einem etwas jüngeren Zeitalter. Prag, die einstige Hauptstadt des römischen Reiches ist im neunzehnten Jahrhundert zu einem sehr inspirativen Ort geworden dank schöpferischer Begegnungen des tschechischen Elementes mit dem deutschen (in dem die jüdische Kultur einen unübersehbaren Bestandteil bildete). Hier möchte ich an eine wichtige Gestalt der böhmischen Kirche erinnern. Um die Wende des achtzehnten und neunzehnten Jahrhunderts lebte in Prag ein deutscher Denker, Mathematiker und Philosoph von Weltbedeutung, der heute wieder entdeckt wird, Bernard Bolzano. Er selbst ist ein Beispiel inspirierender Einwirkungen einzelner Kulturen in unserem Land. Dieser Professor der Religionswissenschaft an der Karl-Ferdinand-Universität in Prag war Sohn eines aus Italien gebürtigen, seit seiner Jugend in Prag lebenden Mannes und einer Deutschen, die aus einer alten Prager Kaufmannsfamilie stammte.

Sein Name ist mir im Geiste aufgetaucht während der bereits erwähnten Feier anlässlich des zwanzigsten Gedenktages des Briefaustausches zwischen der damaligen Tschechoslowakischen und der Deutschen Bischofskonferenz. Die Brieftexte schildern einerseits die mit dem Zweiten Weltkrieg verbundenen Verbrechen und Leiden, andererseits proklamieren sie einen Willen zur Versöhnung, der auf dem Sieg Jesu Christi über die Sünde des Menschen gründen muss. Das Verhältnis zwischen den Tschechen und den Deutschen auf unserem Gebiet war nämlich nicht nur das eines gegenseitigen Bereicherns. Es war auch ein Kampf um Macht, oft voller Missachtung und Hass. Gerade in der Zeit Bolzanos befand sich die Gesellschaft im Prozess der Bewusstwerdung der eigenen Identität.

Ihm ging es damals nicht um bloße Abhilfe den Beziehungen zwischen zwei auf einem Gebiet lebenden Volksgruppen. Bolzano war bemüht um eine praktische Erfassung der theologischen Vorstellung von der irdischen Seligkeit der Menschen in einer Situation des Ringens um eine gerechte und freiheitliche Gesellschaft.

Johann Gottfried Herder verstand unter Volk, unter Nation, ein selbstverständliches Gebilde, dessen Existenz moralisch keiner Begründung bedarf. Die Gefahr dieser Auffassung von Volk als Zweck an sich, ist uns allen heute mehr als gut bekannt. Eine ganz andere Auffassung bietet Bolzano an. Im Zusammenhang mit den auf dem Gebiet von Böhmen lebenden Tschechen und Deutschen spricht er nicht von zwei Völkern, sondern von zwei Stämmen eines Volkes. Das Volk ist Bolzano gemäß als Volk der Christen zu verstehen, das sehr differenziert war und auch ist. Was dieses Volk verbindet, ist die Gleichheit und das gemeinsame Ziel, das gemeinsame Interesse. Wenn wir wie eine Gemeinschaft von Christen wären, wären auch unsere Freude und unser Leid gemeinsam. Ein gemeinsames Volk mit zwei Stämmen ist für Bolzano keineswegs etwas Natürliches, sondern stellt eine moralische Aufgabe dar und die liegt in der Zukunft. Das Volk ist bei Bolzano keinesfalls ein Selbstzweck, sondern vielmehr ein Instrument, damit die Worte Jesu Christi in Erfüllung gehen mögen.

Warum rede ich überhaupt darüber, wenn doch die Auffassung Bolzanos im Gegensatz zu der von Herder oder Jungmann bei uns gänzlich in Vergessenheit geraten war? Wenn ich von der durch das Verhältnis zwischen den Tschechen und Deutschen in meinem Land symbolisierten Ost-West-Beziehung in Europa spreche, will ich vielmehr die auf die Zukunft bezogenen Aufgaben betonen und nicht die Sorge um Lösung von Fragen der Vergangenheit. Gewiss nur wenn wir  den bisher zurückgelegten Weg entsprechend erfasst haben, sind wir imstande, die gegenwärtige Lage zu verstehen und auch eine Kenntnis von dem zu gewinnen, was wir für die Zukunft zu antizipieren haben. Sollen allerdings die Beziehungen zwischen Ost und West auch weiterhin eine Möglichkeit voneinander zu lernen bleiben, dann muss man diese Begegnung von der Zukunft aus, von einer Idee aus betrachten und verstehen. Eine solche Idee kann man nicht einfach festlegen, sie muss erkannt werden. Schon lange stellen wir uns die Frage, ob das Bindeglied für Ost und West die Europäische Union sein kann? Kann die Europäische Union zu jenem Bolzanos Volk der Zukunft werden? Und was wäre dann ihr geistiger Kern?

Bemerkenswerterweise werden in den Diskussionen über die europäische Integration kaum jene Denker erwähnt, die sich mit dem Phänomen Europa befasst haben. Haben die heutigen europäischen Föderalisten etwa Angst davor, dass ein Hinweis auf das jenen Denkern gemäß für Europa Wesentliche, den Plänen, Europa die Form einer Föderation zu geben, nicht behilflich wäre?

Verschiedene Konzepte, wie das des französischen Philosophen Rémi Brague, tschechischen Philosophen Jan Patočka und nicht zuletzt des gegenwärtigen Papstes Benedikt des Sechzehnten heben den Dialog und die Vorherrschaft des Fragens als für Europa wesentlich hervor. Es ist ein Dialog zwischen Ost  und West, zwischen Selbstbildung und Einsicht und schließlich jener zwischen Glaube und Rationalität, welcher der dynamischen europäischen Identität so eigen ist. Wie Kardinal Špidlík gezeigt hat, der Westen wie auch der Osten akzentuieren immer nur die eine von beiden Hälften des europäischen Ganzen. Die katholische Kirche hat den so aufgefassten Prozess der europäischen Integration von Anfang an unterstützt. Wie es Papst Johannes Paul der Zweite zum Ausdruck gebracht hat: Europa muss mit beiden Lungenflügeln atmen!

Die Integration der europäischen Gemeinschaft kann unmöglich nur auf bürokratischem Wege vor sich gehen. Eine moralische und geistige Wiedergeburt ist nur mit geistigen Mitteln möglich. Es geht vor allen Dingen um eine tiefe innere Wiedergeburt innerhalb der Kirche und der ganzen Gemeinschaft der Christen. Es geht um eine Wiedergeburt, die auf wesentliche Fragen der menschlichen Würde aufmerksam macht und die Religion, beziehungsweise das Christentum nicht nur auf Fragen der Sexualiät und der Liturgie reduziert und die inneren und äußeren Umstände außer Acht lässt.

Das Ziel Osteuropas nach dem Sturz des Kommunismus war es, den Westen einzuholen. Es scheint, im Bereich der Wirtschaft haben wir dies im Wesentlichen bereits erreicht, aber unsere Zufriedenheit hat es nicht sehr aufgebessert. Was fehlt, ist die innere Umwandlung. Das Dasein des Christen ist doch Umwandlung, ist Umkehr. Ich frage, ob die Kirche heute für unsere immer mehr säkulare Gesselschaft eine wirkliche „Alternative“ zum durch den Konsum so stark geprägten Lebensstil werden kann.

Unsere Kirche muss heute ihren Ort in der europäischen Gesellschaft neu suchen. Und zwar hauptsächlich in Hinsicht auf Folgendes: auf die Zahl jener, die sich bei uns bewusst zur Kirche bekennen, auf das Wiederaufwachen eines aggressiven Atheismus in einigen europäischen Staaten und letztendlich auch auf die Statistiken der Abnahme von Kirchenmitgliedern bei unseren deutschsprachigen Nachbarn. Ein Anliegen für die Kirche in Europa ist es, ihre Rolle in der sozialen Struktur zu erkennen und demgemäß das Vorgehen in der Realisierung ihrer eigenen Ziele zu bestimmen. Wichtig ist, eine Antwort auf die Frage zu finden, ob die Kirche in Bezug auf soziologische Strukturen und Prozesse eine spezifische Organisation darstelle oder nur eine von Interessentengruppierungen sei. Wie Professor Petr Fiala, Rektor der Universität Brünn, in seinem Buch „Laboratorium der Säkularisation“ sagt, kann unser Land beim Suchen dieser gesellschaftlichen Rolle dank seiner spezifischen religiösen Lage und seiner jüngsten Geschichte ein Beispiel auch für andere sein.

Die Kirche in Osteuropa spielte in den Jahren der sowjetischen Oberherrschaft in dem so genannten Block sozialistischer Länder die Rolle einer wichtigen Opposition nicht nur im Rahmen der Selbstverteidigung und des Schutzes ihrer Mitglieder, sondern wurde in Ländern mit katholischer Mehrheit zugleich zum Symbol des Kampfes um religiöse Freiheit wie auch um unteilbare Freiheit im bürgerlichen, politischen und ökonomischen Bereich. Für diesen Kampf hat die Kirche die breiteste Plattform geboten und der ganzen Opposition als geistige und moralische Stütze gedient. Kardinal Tomášek wurde allmählich nicht nur zum Repräsentanten der katholischen Kirche, sondern – kann man sagen – zum Vertreter des ganzen Volkes, beziehungsweise aller Einwohner der ehemaligen Tschechoslowakischen Sozialistischen Republik. Aus diesem Grunde suchten ihn auch viele Repräsentanten des Auslandes auf. Um jene ausfindig zu machen,   die versagt haben, bedarf es einer aufs Kleinste eingehenden Forschung, die vieles aufklären, jedoch nichts an der wesentlichen Rolle der katholischen Opposition ändern kann.

Die Tatsache, dass die Kirche in Osteuropa auf der Seite der Freiheit stand, ist unbegreiflich für manche der heutigen Europäer, die die Freiheit sehr oft mit Zügellosigkeit, Willkür und Auflösung allgemein gültiger Regeln identifizieren. Die Kirche, in der Zeit des Kommunismus eine moralische Stütze der Erneuerung und Wiedereinsetzung der Freiheit, war nämlich nicht imstande, in den darauf folgenden Jahren eine Abkehr der Freiheit von den Werten zu verhindern, für welche sie selbst einen Raum für deren Realisierung und Entwicklung schafft. Die Freiheit ist nicht nur Freiheit von etwas – ein Freisein, aber auch Freiheit für etwas – eine Freiheit, die Ordnung akzeptiert. Es gibt keine Freiheit ohne Wert, wie es auch keinen Wert ohne Freiheit gibt. Wir stehen also vor der Aufgabe jene Werte zu verteidigen, die die moralische Grundlage für die Geburt der Europäischen Union bildeten, personifiziert durch die bekannten vier Gestalten: Robert Schumann, Konrad Adenauer, Alide de Gasperi und Jean Monnet.

In den Jahren des Totalitarismus hat die Kirche illegale Netze herausgebildet, die ihr zu leben und zu überleben halfen. Geheimes Studium, Übersetzungen religiöser Literatur, geistliche Einkehrtage, Heranbildung künftiger Priester, Ordensmänner und –frauen. Mit den in Gefängnissen und verschiedenen Arbeitslagern gewonnenen Erfahrungen konnte eine innere kirchliche Solidarität zustande kommen, es verschwanden auch Rivalitäten zwischen Diözesen und Ordensgemeinschaften. Weg war auch jede überflüssige Administrative, amtliches Kastenwesen, die Anrede „Pater“ bürgerte sich allgemein ein und an die Stelle von Euer Gnaden oder Exzellenz traten Vater Abt, Vater Bischof. In dieser Situation entstand gleichzeitig auch ein „neues Modell“ der Kirche. Die Institution als solche wurde seitens des totalitären Regimes paralysiert. Das Regime setzte durch und beeinflusste die Ernennung von Geistlichen, die bereit waren die restriktiven Maßnahmen des Staates zu respektieren. In einer solchen Lage bildeten sich in der Kirche neue Gemeinschaften, die auf sich selbst angewiesen waren; im Leben der Kirche erhielten ihre vollwertige Stelle gegenseitiges Vertrauen, Achtung und Freundschaft. Verändert hat sich die Stellung des Priesters in diesen Gemeinschaften: er wurde sich der Bedeutung der Laien bewusst, nämlich dass sie nicht da sind nur für die Realisierung der Vorhaben der Priester, sondern dass die Laien als das Reichtum der Kirche sowie die Quelle von Kompetenzen in verschiedensten Lebensbereichen anzusehen sind. Bis heute spüren wir Nostalgie nach dieser Atmosphäre im Leben der Kirche.

Die katholische Kirche sucht heutzutage intensiv nach Wegen zur Einheit aller Christen. Für uns war die ökumenische Zusammenarbeit in der Zeit des Totalitarismus ganz selbstverständlich. Der Ökumenismus verfügt bei uns über historische Voraussetzungen. Nach der Enttäuschung, infolge der Niederlage des Prager Frühlings durch die Armeen des Warschauer Paktes und die Okkupation des Landes eingetreten, wird neben der Liturgie die neue ökumenische Bibelüberstzung zum Trost und zur Quelle der Kraft. Es gab nicht nur die Beteiligung an der ökumenischen Übersetzung, sondern es fanden auch häufige freundschaftliche Begegnungen katholischer und evangelischer Intelektueller statt. Dieser geheim gepflegter Ökumenismus fand nach dem Sturz des Kommunismus seine Fortsetzung in Form von Zusammenarbeit unserer theologischen Fakultäten oder in den Aktivitäten der Tschechischen Christlichen Akademie.

Diese Aufzählung könnte noch weiter geführt werden. Ich bin jedoch überzeugt, dass vieles aus unserer Erfahrung sich bereits längst bei unseren westlichen Nachbarn eingebürgert hat eben dank der Aktivitäten von Renovabis. Diese Institution stellt seit ihrer Entstehung einen bedeutenden Ort des Dialogs zwischen Ost und West dar. Ihr Ziel war es von Anfang an, die Teilung Europas zu überwinden und freiheitliche Begegnugen von Menschen aus beiden einst feindlichen Lagern zu ermöglichen. Renovabis gilt also nicht bloß für eine die Entwicklung des kirchlichen und religiösen Lebens unterstützende Finanzquelle,

sondern als Plattform, wo Christen aus verschiedenen Winkeln Europas zusammenkommen. Während ihrer ganzen Existenz bemüht sich Renovabis ein Ort zu sein, wo Dialog stattfinden kann, der zu Europa wesenhaft gehört und als zentral von alle denjenigen angesehen wird, die über die europäischen Identität nachdenken.

Es geht nicht nur um die Integration Osteuropas und die Rückkehr der Länder des kommunistischen Blocks zu ihren ursprünglichen Wurzeln, die der Westen bewahrt hat. Renovabis war sich immer bewusst, dass Europa nicht auf die Europäische Union einschränkbar ist, und von einer „Erweiterung“ (des westlichen) Europas zu reden hieße nicht begriffen zu haben, was das Wesen von Europa ausmacht. Ich möchte die Tatsache in Erinnerung bringen, dass Renovabis immer auch eine Zusammenarbeit mit der griechisch-katholischen und der orthodoxen Kirche entwickelte. Das Anliegen aller Aktivitäten von Renovabis ist der Aufstieg europäischer Länder und die gegenseitige und allseitige Unterstützung auf dem Weg zu einer geistigen Wiedergeburt. Das Bemühen um Bewahrung verschiedenster Begabungen der einzelnen Völker Europas und gleichzeitig um die Einheit in Jesus Christus erinnert mich an Bolzanos Konzept des aus mehreren Stämmen bestehenden einheitlichen Volkes, das ich als eine Art eschatologiche Aufgabe betrachte.

Abschließend will ich nachdrücklich betonen, dass unserem Volk die Chance, mit den Völkern Westeuropas wieder einen Dialog anzuknüpfen, in hohem Maße durch die Aktivitäten und mit Hilfe von Renovabis ermöglicht wurde. Wir sind Renovabis zu großem Dank verpflichtet, denn wir sind in eine Lage zurückversetzt worden, in der wir als gleichwertige Partner wieder einen Dialog mit den anderen Völkern Europas führen können. Außer den Seelsorgeprojekten werden bei uns dank Renovabis auch soziale Projekte entwickelt wie zum Beispiel Hospize, aber auch viele andere, zur Herausbildung echter bürgerlicher  Gesellschaft beitragende Vereinigungen. Ein großes Plus ist die Unterstützung kirchlicher Schulen und weiterer damit zusammenhängender Projekte sowie verschiedener Bildungs- und Formationsaktivitäten. Für diese Solidarität deutscher Katholiken mit den Ländern Mittel- und Osteuropas möchte ich  meinen herzlichsten Dank aussprechen.

+ Dominik Duka OP