Dominik kardinál Duka OP 
arcibiskup pražský

Staat ohne Kirche – Kirche ohne Staat?

Staat ohne Kirche – Kirche ohne Staat?

Der Beitrag von Mons. Dominik Duka, Erzbischof von Prag, zu der Podiumsdiskussion bei der Vollversammlung Landeskomitee der Katholiken in Bayern am 11./12. November 2011 im Erzbischöflichen Palais in Prag.

22. November 2011
Ansprachen / Vorlesungen

Staat und Kirche ist ein aktuelles Diskussionsthema in unserem Land und  insbesondere in unserer tschechischen Kirche. Diese Diskussion scheint mir ganz bedeutend zu sein gerade für die gegenwärtige Zeit, denn beide – der Staat sowie die Kirche – brauchen sich gegenseitig. Wie bereits Aristoteles gesagt hat, ist der Mensch ein soziales und politisches Wesen, und zwar in beiden Dimensionen seiner Existenz. Als Individuum ist der Mensch existenzunfähig. Er hat sich nicht von alleine in die Welt gesetzt und ist auch nicht fähig allein zu leben. Die größte Strafe im Gefängnis ist die Einzelhaft. Ich spreche als einer, der weiß, worum die Rede ist, und weiß auch, dass Hunderttausende  von Bürgern unseres Landes eine solche Erfahrung am eigenen Leib gemacht haben oder es aus der Erzählung mancher ihrer nahe Stehenden kennen.

Der Staat ist eine höhere Stufe der menschlichen Gemeinschaft: Familie, Sippe, Stamm, Volk – Staat. Das Leben der menschlichen Kommunität in einem höheren Organisationsstadium erfordert einen Staat, ohne den der Einzelne über keine gesicherte Existenz verfügt und auch in seiner wirtschaflichen, gesellschaftlichen  sowie kulturellen Entwicklung bedroht ist. Daher besteht bereits in alten Kulturen  die größte Strafe für ihn in seinem Ausschluss aus der Gemeinschaft der Sippe oder des Stammes. Letzten Endes kennt auch das zwanzigste Jahrhundert das Exil.

Der Mensch ist allerdings ein Wesen, das – wie die Archäologen, Anthropologen, Historiker, Soziologen und Psychologen beweisen – bereits seit dem Beginn seiner Existenz ein kultisches Verhalten aufweist. Die Zeichen eines Kultus verraten die Anwesenheit des Menschen, sie sind seine Identität. Karl Rahner definiert den Menschen als ein Wesen, das gebetsfähig ist. Die alttestamentlichen Propheten definieren den Menschen als ein Wesen, das gottfähig ist – homo capax Dei. Gegenwärtige Psychologen bestätigen eine religiöse Dimension der menschlichen Psyche. Die gesellschaftliche Dimension des Wesens des Menschen postuliert eine gesellschaftliche Form des religiösen Lebens, die in verschiedenen Stadien der Geschichte entsprechende religiöse Institutionen und Organisationen schafft. Diese waren anfangs fest mit den erwähnten Gebilden verknüpft – mit Familie, Sippe, Stamm und Volk. Ich will hier nicht auf die einzelnen Phasen der Entwicklung religiöser Institutionen (Vater, Patriarch, Priester…) eingehen. Das Christentum tritt aus dieser Reihe hervor. Es erscheint in Israel,, in einem sich unter fremder Oberherrschaft befindenden Staat, strebt jedoch keine Befreiung des Volkes an, sondern schafft im Auftrag seines Begründers Jesus Christus eine internationale Gemeinschaft, die sich in eine Institution verwandelt, welche das religiöse Leben organisiert, zunächst im Mittelmeerraum, sich später nach Eurasien verbreitet und allmählich ins Leben der Gesellschaft weltweit tritt, längst vor der Globalisierung. Nach dem Niedergang des römischen Imperiums nimmt sich die  Kirche der Ruinen des Staatsgebildes an und hilft es im Interesse der Gesellschaft zu organisieren. So entsteht eine neue Form der Symbiose von Kirche und Staat im Westen und von Staat und Kirche im Osten. Geschichte, Religionistik, Soziologie sowie Politologie können uns überzeugen von der Notwendigkeit einer solchen Zusammenarbeit, nicht jedoch Symbiose, wie dies in der Zeit vor Christus der Fall war. Beide Institutionen besitzen ihre Autonomie, und die Kirche muss sich gegen den Totalitarismus des vergotteten Staates wehren, was sie auch jederzeit tat. Manchmal musste sich jedoch der Staat gegen die Kirchen wehren, nämlich wenn sie eine Hegemonie anstrebten (Papocäsarismus).

Abschließend möchte ich darauf aufmerksam machen, dass sowohl die Kirche als auch der Staat dem Menschen zu dienen haben, denn Gott ist jener, der in Christus gekommen ist, um dem Menschen zu dienen. Die primäre Dimension unserer Betrachtung muss also „Gott und Mensch“ lauten, damit wir uns von den Ablagerungen der Vergangenheit befreien und das Leben in seiner heutigen Gestalt verstehen können.

Mons. Dominik Duka, Erzbischof von Prag