Dominik kardinál Duka OP 
arcibiskup pražský

Der Dominikanerorden und die Böhmische Dominikanerprovinz

Der Dominikanerorden und die Böhmische Dominikanerprovinz

Vechta, BRD, 23. 1. 2016.

27. Januar 2016
Predigten

Der Dominikanerorden

und die Böhmische Dominikanerprovinz
im Leben der Kirche im

heutigen Tschechien

 

Lassen Sie mich mit dem Jubiläum beginnen: Was hat sich vor achthundert Jahren abgespielt, als der heilige Dominik Guzmán beschloß, die „helige Predigt“ zu gründen. Wir wissen, daß es zu dieser Gründung im Grenzgebiet zwischen Spanien und Frankreich in der „douce Provence“ (der lieblichen Provence) kam, und daß sich der erste Konvent in der historisch bedeutenden Stadt Toulouse befand. Historiker und Kulturwissenschaftler sprechen davon, daß unsere christliche Zivilisation, bzw. moderner gesagt die westliche Zivilisation, im 13. Jahrhundert entstanden ist. Sprechen wir über das 13. Jahrhundert, so können wir sagen, daß für den Großteil des mitteleuropäischen Raumes, oder besser gesagt des neuen Raumes, den nach dem Untergang des Weströmischen Reiches unsere Vorfahren allmählich nach Abschluß der Völkerwanderung geschaffen haben. Dieses Gebilde erhielt im 13. Jahrhundert die Bezeichnung Imperium romanum natione germanica, Heiliges Römisches Reich deutscher Nation. Das ergibt sich aus der Konstituierung einer Staatengemeinschaft, die das Deutsche Kaiserreich bilden. Der politische und häufig auch kulturelle Schwerpunkt verlagerte sich seit der Zeit Karls der Großen vom ursprünglichen Zentrum des Römischen Reiches nach Norden, jenseits der Alpen. Für diesen Teil Europas ist es die Epoche der Urbanisierung. Die Stadt gewinnt an Bedeutung, und auch der Sitz der Institutionen wird in die Städte verlegt. Die Struktur der typischen Burgkirchen und Burgkathedralen wird aufgegeben. Aus Stadtkirchen werden Kathedralen. Neben den Kathedralen kommen die Universitäten hinzu – ein zweites Symbol, das für diese Zeit der Bildungsemanzipazion typisch ist. Die Universtät hat sich von den monastischen Komunitäten verselbständigt. Die Kathedrale und die Universität sind typische Institutionen dieses Jahrhunderts, aus denen die westliche Zivilisation geboren wird.

 

Es war Herder, es war Humboldt, die über die Kultur als grundlegender Quelle sprachen, die der Gemeinschaft entspringt, die ihren eigenen Kult hat. Von diesem Kult wird die Kultur abgeleitet. Es ist eine Ansicht, die tief verwurzelt ist und hängt gewissermaßen auch mit europäischen Bibelstudien, mit Archäologie zusammenhängt, wo uns bewußt wird, daß alle alten Kulturen, z.B. die der Sumerer in Mesopotamien und die der Ägypter so entstehen. Der Tempel, der Ort des Kultes, ist auch der Ort, wo die Kultur entstand. Das bedeutet Schrift, Poesie, Literatur, Musik, das heißt die Entstehung der schönen Künste überhaupt. Die Architektur geht vor allen Dingen in diese Richtung. Humboldt sieht die Universität als den Ort der Kultur, wo sich der Unterrichts- und Bildungsprozeß abspielt.

 

Sprechen wir von Zivilisation, so wissen wir, daß diese Bezeichnung sich eher auf die Entfaltung und die wechselseitigen Beziehungen des Lebens mit seinen technologischen, technischen wie auch juristischen Strukturen erstreckt. Diese Spannung drücken zwei Sprachen aus: im Deutschen spricht man von „Kultur“,  im Französischen von „civilisation“. Ich denke, daß beide Sichtweisen, sei es die der deutschen Kultur beziehungsweise Sprache auf der einen Seite sowie die des frankophonen Bereichs auf der anderen Seite mit diesen Begriffen eine gewisse Integrität beschreiben. Aber das zwanzigste Jahrhundert hat sich angewöhnt, allein von „Zivilisation“ zu sprechen. Und gerade dieser technische Akzent des Wortes „Zivilisation“ beginnt in gewisser Art auf totalitäre Art das menschliche Denken zu beherrschen. Die Folge dieser Verflachung des Terminus „Kultur“ und „Zivilisation“ ist die Herausbildung der sogenannten Massenkultur, an deren Kultiviertheit sich des öfteren zweifeln läßt, oder sie trägt dazu bei, lediglich eine technische Zivilisation entstehen zu lassen, die freilich ihrerseits eine tieferes Verständnis der Fragen, die die Ausformung der christlichen, westlichen Zivilisation im 13. Jahrhunderts begleiteten. Es stellt sich die Frage „warum“ und erst dann „wie“. Es das Studium, das den Begriff der Wissenschaft hervorbringt.

 

Wenn wir ins 13. Jahrhundert, in dem der Dominikanerorden entstanden ist, zurückkehren, müssen wir uns bewußt machen, daß diese Phänomene die dominikanische Berufung hervorgebracht haben, aber auch die Wirken unseres Ordens. Immer wieder lesen wir, daß die Konvente des Dominikanerordens sich in der mittelalterlichen Struktur der Städte in der Nähe der Stadtmauer situiert haben. Dies ist vor dem Hintergrund der demographischen Entwicklung, der Epoche zu sehen, in der neue Stadtteile entstehen, und nur in diesen neuen Stadteilen war es möglich, eigene Konvente zu errichten. Dennoch, so bemerkte ein herausragender Kenner der Geschichte der Orden, der Professor der Lubliner Katholischen Universität Jerzy Kłoczowski, daß sich die Konvente der Dominikaner stets in relativer Nähe zur Universität, aber auch in der Nähe der Kathedrale befinden. Ja, es gibt einen Begriff, der die Kathedrale mit der Universität verbindet. Es ist ein Begriff, der die Kontinuität der Entwicklung der christlichen Zivilisation und der christlichen Kultur verbindet: die Kathedra. Der Bischof hatte nie nur die Rolle des Aufpassers, vielleicht sogar des kirchlichen Polizeibeamten, vielmehr war seine Kathedra ein Ort der Lehre, der geistigen und geistlichen Bildung. Zugleich ist zu beachten, daß die Kathedra sich in die Universität verlagert hat, wo sie zu einer Stärkung der Position und Bedeutung der Magistri führt. Dies ist – so meine ich – ein wichtiges Aspekt, den wir uns vergegenwärtigen wollen, wenn wir uns mit dem 800. Jahrestag der Gründung des Dominikanerordens befassen. Wenn wir das Wirken des Dominikanerordens mit diesen beiden Institutionen in Verbindung bringen möchten, würden wir ganz bestimmt nicht den Sinn und die Bedeutung der „heiligen Predigt” der Predigerbrüder erfassen können. Das demokratische Prinzip war in der Geschichte des Dominikanerordens ein wichtiges Element. Die Demokratie hat in der Kirche immer eine Rolle gespielt. Das Christentum ist die Religion der Stadt, der Gemeinde, der „polis”. Gerade antike Städte können wir uns ohne diese städtische Demokratie nicht vorstellen. Es ist eine historische Tatsache, daß es die in erster Linie die Benediktinerklöster sowie in Mitteleuropa die iro-schottischen Klöster waren, welche die antike Zivilisation und Kultur weitergaben, also diejenigen Komunitäten, die nicht nur den literarischen Schatz der Antike in Form von erhaltenen und ins Lateinische übersetzten antiken Werken, das ganze Trivium und Quadrivium, das ganze Bildungssystem der Septem Artes Liberales, der Sieben Freien Künste. Schon das Wort „Freiheit” ist ein Hinweis auf die Demokratie. Dieses System übergaben dem dreizehnten Jahrhundert die Mönschskommuitäten. Es waren die Zisterzienser, die großen Einfluß auf die Herausbildung der dominikanischen Strukturen ausübten. Das 13. Jahrhundert, das Jahrhundert der Geburt der westlichen Zivilisation, ist eng mit der Frage der Freiheit verknüpft. Deshalb verteidigen die Städte ihre Freiheit, deshalb auch die Bettelorden, zu denen die Dominikaner gehören, verteidigen ihre spezifische Freiheit, das ist ihre Exemption, und sie akzeptieren allein die höchste Autorität, das ist die Autorität des Bischofs von Rom. Sie werden auch von dieser Autorität beschützt, damit sie nicht unter die Oberhoheit der damaligen Feudalherren fallen. Was die Demokratie betrifft, ist eine legendäre Tradition, daß auch das erste britische Parlament in London aus den Prinzipien der dominikanischen Konstitutionen hervorgeht.

 

Ein weiteres Moment wäre, wie die Kathedrale mit ihrer Kathedra auf das Leben des Dominikanerordens ausstrahlt, und wie die Universität auf das Leben der Dominikaner ausstrahlt. Dabei ist zu beachten, daß der Dominikanerorden seine Prägung erhalten hat durch dessen Gründer, der Regularkanoniker gewesen ist. Als Mitglied des Domkapitels brachte er ein tiefes Bewußtsein für gemeinsame Liturgie mit, die die vereinfachte Liturgie der Pfarrgemeinden bereichert und zum Raum wird, den der Stadtmensch betritt, damit er nicht nur zuhört, vielmehr auch aktiv am liturgischen Geschehen teilnimmt, vor allem die Tagzeitenliturgie, aber auch die Möglichkeit, die Predigt zu vernehmen. Die dominikanische Predigt beziehungsweise die heilige Predigt des hl. Dominikus Guzmán ist inspiriert durch die apostolische Tradition und nähert sich an den Kern von Jesus’ Gebot: „Geht in alle Welt!”, und so macht sich unser Orden das Rednerpult, die Tribüne beziehungsweise ein Rostrum zu eigen. Diese Tribüne hatte ihren Platz auf den Plätzen der Städte, damit die Verkündigung des Evangeliums zum Menschen in umittelbarermAlltagskontakt und nicht nur mittels der bischöflichen Festpredigt im Dom.

 

Was die Universität betrifft, so ist das Christentum, vor allem das Christentum unserer Vorfahren, hat als grundlegendes Buch, eine gewisse „Summe”, die Bibel, die Heilige Schrift. Die Bibel wird zur Grundlage, aber auch Gipfel der Universitätsbildung, da die gesamte Art der Lehre ausgehend von der Artistichenfakultät zur Theologischen Fakultät führt. Dadurch wird die Heilige Schrift zur Quelle, die jedoch nicht auf fundamentalistische Weise angenommen wird, sie ist genausowenig Maos Rotes Buch, aber auch kein Lehrbuch der Schulmeister des aufgeklärten Schulwesens, wo gebüffelt und wiederholt werden muß.

 

Im Mittelalter werden Ritterspiele veranstaltet. Der hl. Dominikus, der selbst Ritter war, wollte den geistlichen Kampf in der Art der Ritterturniere führen. So entstehen Disputationen, die typisch sind für die Universität. Hierher haben sie gerade die Mendikanten, und da vor allem der Dominikanerorden, gebracht. So ensteht die große Enzyklopädie, die Universitätsflagge des 13. Jahrhunderts, die Summa des hl. Thomas von Aquin.

 

Erste dominikanische Spuren

Im folgen will näher eingehen auf die Geschichte und das Leben des Dominikanerordens in Böhmen, oder besser gesagt in der Tschechischen Republik beziehungsweise Tschechien. Das heutige Tschechien ist Erbe des  Böhmischen Königstum, das aus einer Gemeinschaft dreier historischer Länder, Böhmen, Mähren und Schlesien, entstanden ist. Dazu kommt, daß in einer historisch bedeutenden Zeit auch die Ober- und Niederlausitz Teil der Länder der Böhmischen Krone waren. Es war kein einheitliches Ganzes, ähnlich wie die Struktur des deutschen Reiches.

 

Die ersten Ordensmitglieder aus dem slawischen Teil Europas nimmt der hl. Dominikus bei Santa Sabina in Rom auf, wie es auf einem Fresko in einer Seitenkapelle dargestellt ist. Es handelt sich um die polnischen Brüder, heiliger Hyazinth und seliger Česlav, mit dabei ist auch Jindřich Moravský. Der hl. Dominikus nimmt diese Drei aufgrund des Ansuchens zweier Bischöfe auf. Der eine ist der Krakauer Bischof Iwo Odrowąż (1218–1224), der zweite der Prager Bischof der verehrte Ondřej [Andreas] (1214–1224). Es ist eine auch für die Geschichte Böhmens bedeutende Epoche, da Bischof Ondřej zu den Bischöfen gehört, die am IV. Laterankonzil teilgenommen haben; historisch gesehen ist es der erste Bischof aus Böhmen, der an einem Konzil teilgenommen hat. Diese Bischöfe kämpfen für die Autonomie der Kirche, die als Kooperationsmodell zwischen Staat und Kirche interpretiert werden kann, was in Prag eine heftige Auseinandersetzung zwischen Bischof Ondřej/Andreas und dem Herrscher hervorgerufen hat; dieser war Přemysl Ottokar I., der Vater der hl. Agnes von Böhmen aus dem Geschlecht der Přemysliden. Die ersten Spuren des Dominikanerorden, die Konvente in Mähren, werden diesen drei Brüdern, vor allem dem hl. Hyazinth zugeschrieben. Hingegen die Konvente in Böhmen gehen auf den seligen Česlav zurück, der auch der erste Provinzial gewesen ist, denn das gesamte Gebiet der Länder der Böhmischen Krone, außer der Ober- und Niederlausitz, waren Teil der polnischen dominikanischen Provinz. Aber schon die ersten schriftlichen Zeugnisse sprechen davon, daß die Brüder aus dem Kloster zum Hl. Kreuz in Köln eine bedeutende Rolle einnehen bei der Gründung des Prager Konventes zu St. Clemens. Dies ist das bis in unsere Tage gut bekannte Clementinum bei der Karlsbrücke mit der Kirche Zum Allerheiligsten Salvator und der St.-Clemens-Kirche. Das ganze Areal, das von den Patres der Gesellschaft Jesu auf den Ruinen des Dominikanerordens errichtet wurde, erinnert daran, daß in Böhmen beziehungsweise auf dem gesamten Gebiet des heutigen Tschechien zwei religiöse Orden eine überaus bedeutende Rolle eingenommen haben in der Herausbildung der eigenen Kultur beziehungsweise Zivilisation. Neben den Mönchsorden waren es vor allem die Dominikaner und die Jesuiten. Nach den Hussitenkriegen ist von diesem Werk der Dominikaner nicht allzu viel Greifbares übriggeblieben. Im Gegensatz dazu ist – dank der Tatsache, daß unsere Republik von den zwei zerstörerischen Weltkriegen des 20. Jahrhunderts verschont worden sind – ist das Erbe der Jesuiten deutlich wahrnehmbar.

 

Die Entstehung der Böhmischen Provinz ist eng mit der Dynastie der Luxemburger verknüpft. Auch wenn in der Spätphase der Přemysliden der Dominikanerorden eine recht bedeutende Rolle einnimmt, und das im Schrifttum, das in jener Zeit lateinisch war, kommt es dagegen in der Luxemburgerepoche, insbesondere zur Zeit Karls IV., dessen 700. [siebenhundertsten] Geburtstag wir heuer nicht nur in Prag begehen – er ist also um einhundert Jahre jünger – zu einer kulturellen Blüte. In Prag erfolgte in dieser Zeit die Übersetzung der gesamten Bibel in die Nationalsprache. Es handelt sich um die vierte Bibelübersetzung in eine moderne Sprache. Die Bibel wurde für das Dominikanerinnenkloster bei St. Anna übersetzt; dort befindet sich das bekannte Theater Na zábradlí. Hier wirkte Václav Havel als Kulissenschieber, aber auch als Autor seines ersten berühmten Schaupiels Zahradní slavnost. Die Annenkirche wurde im 18. Jahrhundert im Zuge der Josephinischen Reformen säkularisiert und in der Gegenwart restauriert dank der Unterstützung der Stiftung von Václav und Dagmar Havel Vize 97 [Vision 97] und von Prinz Charles nach dessen Pragbesuch. Sie wurde zum Ort, wo eine ganze Reihe internationaler Begegnungen stattfindet, wo der Preis verliehen wird für geistige und wissenschaftliche Entfaltung mit der Übergabe des symbolischen Hirtenstabs des hl. Adalbert. Der Preis der Vision 97 nimmt Bezug was auf den Märtyrertod des hl. Adalbert (997), des zweiten Bischofs von Prag, der die Kathedralschule in Magdeburg absolvierte und neben Otto II. und Papst Silvester II. zum Triumvirat von Männern gehörte, die versuchten, die Karte Europas des zweiten Jahrtausends zu zeichnen, nicht nur im kartographischen Sinne, sondern im kulturellem, politischen und gesellschaftlichem Sinne.

 

Diese Bibelübersetzung ins Tschechische für die Dominikanerinnen hat sich im beschädigten Leskovic-Dresdner Codex erhalten. Anna Leskovicová war Subpriorin dieses Konventes. Dieser Codex gelangte im Dreißigjährigen Krieg nach Dresden, daher ist er auch als Dresdner Codex bekannt. Es ist die Epoche weiterer großer literarischer Werke, die auf tschechisch entstehen. Wie in der modernen Zeit Professor Alfred Thomas von der Universität Chicago in Illinois in den USA (der Böhmen als glanzvolles kulturelles sowie politisches Herz des Heiligen Römischen Reiches betrachtet) der von Prag aus eine große kulturelle Mission in der Zeit Karls IV. aufgrund der Heirat dessen Tochter Anna sieht, die englische Königin wird und so hat das bekannte Weihnachtslied Good King Wenceslas seine Wurzeln in dieser Epoche (der englischen Sprache ist es zu verdanken, daß es in der ganzen Welt Verbreitung gefunden hat).

 

Die Beziehungen zu der deutschen dominikanischen Provinz Teutonia, oder besser gesagt – damit ich mich nicht in historische Zusammenhänge verstricke, die mir nicht so genau bekannt sind –  die Präsenz der deutschen Dominikanerbrüder – sei es daß sie der Provinz Teutonia, sei es daß sie der Provinz Saxonia angehört haben – war recht intensiv. Nach dem ersten Provinzial, der in Prag zu Beginn des 14. Jahrhunderts sein Amt antrat, als sich beim Generalkapitel in Köln aus der Polnischen Provinz die Böhmische Provinz abspaltete, kam es nach dem Tod des Bruders Zdislav dazu, daß die Brüder selbst nicht imstande waren einander zu regieren – wie es manchmal im demokratischen System zu sein pflegt – wurde die Prager Provinz vom Meister Eckhart als Vikar des Ordensmeister, verwaltet. Die spirituelle Entwicklung der Epoche Karls IV. hat die Devotio moderna mit hervorgebracht und ist Teil des Wirkens von Meister Eckhart, dessen mystische Tiefe auch Karl IV. zu eigen war. Der Dominikanerorden war Mitbegründer dieser Bewegung. Er wude zur Zielscheibe heftiger Kritik und Verfolgung während der Hussitenstürme. Durch die Hussitenrevolution wird die Böhmische Provinz nahezu liquidiert. Ihre Erneuerung im 16. und 17. Jahrhundert wird vor allem von Brüdern aus der polnischen Provinz getragen, aber auch aus den deutschen Provinzen. Die Gegenwart der Brüder deutscher Nation beziehungsweise deutscher Zunge war durchaus natürlich, denn Geschichte, Kultur, Zivilisation der Länder der Böhmischen Krone bestand zum größten Teil aus drei Nationalitäten: der tschechischen, deutschen und jüdischen. Warum? Dies hat sich aus dem Prozeß der Kolonisierung in der Epoche Přemysl Ottokars II., also im 13. Jahrhundert, wo Kolonisten aus deutschen Landen, wie Schwaben und anderen Gebieten kamen. Und gerade sie wurden im Zuge der mittelalterlichen Städteentwicklung zu Baumeistern der steinernen Städte in Böhmen, Mähren, Schlesien und Polen; es lassen sich die Spuren dieser Kolonisten in anderen Ländern Eurpas finden, aber darüber zu reden, hieße Eulen nach Athen tragen, denn das wissen Sie besser als wir, die wir die böhmische Geschichte studieren. Für Sie gehört das zum Studium der deutschen Geschichte. In diesem Sinne läßt sich von einer Symbiose sprechen nicht nur im Rahmen einer internationalen Institution, wie es der Domnikanerorden darstellt. Diese innere Symbiose, die so typisch war für Mitteleuropa, wurde im Zweiten Weltkrieg zerstört, genauer gesagt: durch den nationalsozialistischen und kommunistischen Totalitarismus. Darin ist auch eine Vielzahl von Problemen begründet, mit denen das gegenwärtige Europa konfrontiert ist. So bleibt die Geschichte des Dominikanerordens weit zurückliegender Epochen stets lebendig. Die Globalisierung geht mit dem Prozeß der Urbanisierung einher, wo der Großteil der Weltbevölkerung in den Städten lebt. Die Zunahme von Universitäten und der Ausbau des Hochschulwesens und wissenschaftlicher Institutionen stellt ein Phänomen dar, das bestimmte Probleme mit sich bringt. Die Frage der Anzahl der Studenten und die Frage nach wirklich kompetenten Pädagogen ist hierbei unerläßlich, aber es ist ein natürlicher Prozeß, der zu dieser Zeit gehört. Und wie steht es um die Kathedralen? Seit dem Zweiten Vatikanischen Konzil hat sich ihre Anzahl etwa verdoppelt. Die Kathedralen hatten nicht immer staatlichen oder nationalen Charakter inne, vielmehr nahmen sie eine nicht unbedeutende Position im Europas der Regionen ein, das sich zum Europa der Staaten verwandelte. Diese Diskussion wurde auch im Rahmen der Europäischen Union geführt, wo ich mich auf der einen Seite an jene Umbruchsjahre nach dem Fall der Berliner Mauer erinnere. François Mitterrand war ein Verfechter eines Europas der Staaten. Der Grundgedanke von Alcide De Gasperi, sowie zum Teil auch von Konrad Adenauer, war ein Europa der Regionen. In die Diskussion floß noch ein Element ein, und zwar Europa als Superstaat, wo wir uns irgendwo zwischen Föderation, Konföderation befinden, wobei in der gegenwärtigen Europäischen Union kein ausreichendes Verständnis der Begriffe Solidarität und Subsidiarität gibt – aber das ist nicht das Thema meines Beitrags.

 

Einige Zahlen zum Leben der Kirche im heutigen Tschechien

Um den Bogen zur Gegenwart zu schlagen, möchte ich im folgenden eine knappe Bestandsaufnahme des kirchlichen Lebens im heutigen Tschechien vorlegen, da ich denke, daß es für Sie von Interesse sein könnte. Im Jahre 1989, nach vierzig Jahren des Totalitarismus, nach mehr als fünfzig Jahren der Isolation, die bereits mit dem Jahr 1938 begann, trat unsere römisch-katholische Kirche in den weiten Raum der Freiheit ein. Dezimiert betrat sie nach vier Jahrzehnten der Verfolgung diesen Raum, das bedeutete nicht nur beraubt um funktionierende Strukuren, sondern auch um ihre Eliten und um die Anzahl ihrer Gläubigen. Man muß sich klar machen, daß dies die Folge des militanten gewaltsamen Atheismus, der große Schäden den einzelnen praktizierenden Gläubigen verursacht hat, wie z.B. im Beruf, verwehrtem Studium, Gefängnishaft, Einschüchterung und sogar Hinrichtung von Geistlichen und Laien. Die Kirche wurde um ihre herausragenden Glieder, sowohl Priester als auch Laien, in zwei Emigrationswellen 1948 und 1968 gebracht. Als Folge des Zweiten Weltkriegs verlor sie durch die Vertreibung der Gläubigen deutscher Sprache und der Opfer des II. Weltkriegs. Auch die Zwischenkriegszeit zwischen dem Ersten und Zweiten Weltkrieg war keine friedliche Zeit. Die Kirche hat sich weitestgehend von diesen negativen Phänomenen befreit. Die Stunde der Freiheit schlug am 17. November 1989. Nichtsdestotrotz wurde auch in der Zeit des Kommunismus die Kirche in der Tschechoslowakei so wie auch der Dominikanerorden im Rahmen der internen geistlichen Solidarität unterstützt. Die römisch-katholische Kirche wurde in der Zeit der kommunistischen Diktatur – politisch gesprochen – seitens der Bundesrepublik Deutschland und Österreichs sowie Polens unterstützt. Aus Polen kam die Hilfe auf illegalem Wege, da die Polnische Volksrepublik sich zum sozialistischen Lager zählte, das bedeutet auch zur militant atheistischen Ideologie. Dank dieser solidarischen Hilfe bildeten sich für unseren Orden zwei Zentren heraus. Zwei Provinzen gebührt das größte Verdienst für die unsere Situation in der gegenwärtigen Zeit. Über 25 Jahre der Freiheit hinweg war es die deutsche Provinz, (teilweise die österreichische Provinz), und dann die polnische Provinz. Namentlich der Konvent in Leipzig und die Konvente in Krakau und Breslau. Der Warschauer Konvent mit dem Provinzial in der Freta-Straße war Kontaktstelle für die Provinziäle beziehungsweise ihrer Kuriere. Die Möglichkeit Besuche zu machen in der Ausbildungsphase bot Leipzig und eher Breslau als Krakau. Im Leipziger Konvent erhielten unsere Brüder die Diakonats- und Priesterweihe. Es war dies das große Verdienst von P. Gordian Landwehr, es war dies das große Verdienst auch des damaligen Provinzials P. Karl Mayer und ich muß sagen auch von Kardinal Joachim Meisner sowie des Erfurter Weihbischofs Hans Reinhard Koch. Ihnen sei an dieser Stelle aufrichtiger Dank ausgesprochen.

 

Schließlich bin ich hier im Konvent in Vechta, wo Dokumente über das Ordensleben in unserer Provinz aufbewahrt wurden. Es gab keinen sicheren Aubewahrungsort im Vatikan und keinen sicheren Aubewahrungsort in unserem Generalat. Im polnischen Archiv in Warschau wurden wir nur unter dem Ordensnamen geführt ohne bestimmte Angaben, damit im Falle einer Aufdeckung die Ordensmitglieder nicht identifiziert werden könnten. Diese Hilfe in der Freiheit wirkte sich in vollem Maße bereits im Januar 199 aus. Es handelte sich um einen großen finanziellen Zuschuß der Deutschen Provinz, der uns zur Wiedereinrichtung des Studienhauses in Olmütz/Olomouc verholfen hat und überhaupt zur Wiederbelebung des dominikanischen Lebens in der freien Gesellschaft. Hilfe erhielten nicht nur die Dominikaner, sondern auch andere Orden sowie die Diözesen. Zwei Institutionen seien konkret genannt, die sich an der Wiederbelebung des kirchlichen Lebens in Tschechien beteiligt haben und beteiligen: Kirche in Not und Renovabis.

 

Zurück zum Thema der gegenwärtigen Situation der römisch-katholischen Kirche in Tschechien. Erlauben Sie mir hierzu einige statistische Daten anzuführen, die in der nachfolgenden Diskussion noch ergänzt werden können.

40 Prozent der Bevölkerung der Tschechischen Republik, das sind ca. vier Millionen Einwohner sind in der römisch-katholischen Kirche getauft. Die Gruppe läßt sich wie folgt aufteilen: eine Million, das sind zehn Prozent der Bevölkerung, sind praktizierende Katholiken, die anderen zehn Prozent sind Katholiken, die mehrmals pro Jahr am Gottesdienst teilnehmen, die eine gewisse Affinität zur Kirche haben, aber wir können nicht von „dominicantes” sprechen, also Leuten, die unmittelbaren Kontakt zum Leben der Kirche haben. Das bedeutet nicht, daß sie sich zu ihrer Zugehörigkeit zur Kirche bekennen würden, daß sie sie nicht unterstützen würden. Zuweilen sind sie bereit, sich in von der Kirche getragene Aktivitäten einzubringen. Das dritte Viertel der Getauften sind Menschen, die eher einige Male im Laufe ihres Lebens kommen, ihre Sympathie ausdrücken, aber die Kirche als Institution kann nicht mit ihrer Bereitschaft zu aktiver Mitarbeit rechnen. Das letzte Viertel setzt sich aus Leuten zusammen, die in ihrer Kindheit getauft wurden, ohne daß sie dann religiöse Erziehung erfahren haben. Zu dieser Gruppe können auch Personen gehören, die in ihrem Leben eine Enttäuschung mit der Kirche erfahren haben oder die irgendwie verloren gingen.

 

Dieses Bild ergibt sich aus den entsprechenden verschiedenen Umfragen, die nicht immer präzise sind, da in unseren Statistiken bei der Volkszählung die Religionszugehörigkeit und Nationalität eine fakultative (freiwillige) Angabe ist. Die Hälfte der Leute beantwortet diese Fragen nicht. Nicht nur auf die Frage nach der Religionszugehörigkeit, sondern genauso auf die Frage nach der Nationalität. Gewiß gibt es nicht wenige ungetaufte Menschen, die sich für Sympathisanten der römisch-katholischen Kirche halten und zum gesellschaftlichem Erbe der Kirche bekennen und bisweilen als wichtige Mäzene großer Projekte auftreten.

 

Die Tschechische Republik ist in acht Diözesen aufgeteilt, fünf davon in Böhmen: das Erzbistum Prag, Leitmeritz/Litoměřice, Königgrätz/ Hradec Králové, Böhmisch Budweis / České Budějovice, Pilsen/Plzeň. Mähren hat drei Bistümer: das Erzbistum Olmütz/Olomouc, Brünn/Brno und Ostrau-Troppau / Ostrava-Opava.

 

Die griechisch-katholische Kirche hat in Tschechien eine Eparchie; der Bischofssitz ist in Prag. Die übrigen Christen bilden zusammen etwa 5–7 %. Fünf Prozent sind tschechische Staatsbürger, weitere zwei Prozent bestehen aus Migranten. Die Einwanderer kommen vor allem aus den Ländern der ehemaligen Sowjetunion, wie Ukraine, Weißrußland sowie Rußland. Außerdem sind hier weitere Nationalitäten vertreten. Zusammen mit den illegalen Migranten kommen kann man von zehn Prozent Gläubigen in den anderen Kirchen sprechen. Zahlenmäßig bedeutend ist die Gruppe der Vietnamesen. Gottesdienste finden vorwiegend in Pragsowie ingrößeren Bischofsstädten statt wie Brünn/Brno, Ostrau/Ostrava, Königgrätz/ Hradec Králové. In Prag werden Gottesdienste in vielen Sprachen gefeiert: außer in tschechischer Sprache, so auch Gottesdienste in Slowakisch, Polnisch, Deutsch, Englisch, Französisch, Italienisch, Spanisch, Ungarisch, Vietnamesisch. Es ist hier auch eine koptische, armenische sowie zur Zeit eine koreanische Gemeinschaft. Das kirchliche Leben zeichnet sich durch ein großes Angebot aus. Ähnlich ist es auch bei den anderen christlichen Kirchen, die hier ihre nationale Vertretung haben, wie die Anglikaner, Methodisten, Baptisten, die Gottesdienste in ihren jeweiligen Sprachen haben. In diesem Sinne ist sich nahezu die Hälfte der Bevölkerung Tschechiens ihrer christlichen Wurzeln bewußt und bekennt sich zu einer der christlichen Kirchen. Ebenfalls ist die Zahl der Juden angewachsen. Es existiert im Rahmen der Ökumene eine sehr rege Zusammenarbeit. Gegeben ist dies auch durch das Gesetz über die teilweise Wiedergutmachung, das noch vom Parlament der Tschechischen und Slowakischen Föderativen Republik ausging, erfolgte eine parzielle Rückgabe. Ca. 40 % bilden die Rückgabe von Immobilien und Grundbesitz und nicht ganz 60 % bildet die finanzielle Entschädigung. In diesem Jahr begeben wir uns auf den Weg des eigenständigen Wirtschaftens, wo der staatliche Beitrag erstmals seit der Verabschiedung des Gesetzes gekürzt wird. Dreißig Jahre wird die Auszahlung der finanziellen Entschädigung dauern und fünfzehn Jahre wird noch die Unterstützung von Seiten des Staates jährlich um 5 % gekürzt.

 

Geistliche und Laien studieren auf drei Theologischen Fakultäten in Prag, Olmütz/Olomouc und Böhmisch Budweis / České Budějovice. Auch ist es gelungen, das kirchliche Schulwesen wiederzubeleben, so daß mehr als einhundert kirchliche Schulen betrieben werden, die eine Hälfte sind weiterführende Schulen, davon sind 30 % Gymnasien, der Rest sind berufsbildende Schulen, ferner Grundschulen und Kindergärten. Neben den kirchlichen Kindergärten gibt es sogenannte Mütterzentren, hier vermag ich die Anzahl der Einrichtungen nicht zu nennen. Dann sind in den Kindergärten noch kirchliche Gruppen, die geleitet werden von einer der Kirchen entsprechend der Anzahl der Kinder nach Konfessionszugehörigkeit. Gleichfalls ist in den Schulen Religionsunterricht möglich. 70 % der Katechese wird in den Schulen durchgeführt und 30 % in den Pfarreien beziehungsweise anderen kirchlichen Institutionen. Besonders wichtig war auch die Hilfe bei der Wiederaufnahme der Tätigkeit der Caritas. Die tschechische katholische Caritas ist die größte caritative Einrichtung im Land und erfreut sich eines verhältnismäßig hohen Ansehens. Auch die Dreikönigssammlung, die wir nach dem deutschen Vorbild in die Wege geleitet haben, gehört zu den größten caritativen Sammlungen im Land. Es gibt auch einige kirchliche Krankenhäuser. Die Caritas selbst betreibt einige Pflegeheime, Mutter-Kind-Häuser, solche für retardierte Kinder und ähnliches. Des weiteren verfügt sie über ein gewisses Netz für Auslandshilfe für Afrika, Asien, vor allem Indien, oder auch Lateinamerika oder die Länder der ehemaligen Sowjetunion, wie Weißrußland, Ukraine und andere. Übrigens hat die Prager Caritas zwei Krankenhäuser in Afrika und drei in Indien. Ferner leitet sie einige Schulen in Indien sowie in Afrika. Wir können also sagen, daß es auch dank Ihrer Hilfe zur Wiederbelebung des kirchlichen Leben gekommen ist und daß die Kirche als eigenständige Entität auftreten kann und lebens- und entwicklungsfähig ist, wovon katholisches Fernsehen, katholischer Hörfunk, katholische Verlage sowie katholische Zeitschriften Zeugnis ablegen.

 

Was die Präsenz des Dominikanerordens in unserer Gesellschaft betrifft, so ist es zum einen die Provinz der Predigerbrüder; es sind hier zwei kontemplative Dominikanerinnenklöster, die Schwesternkongregation sowie das Institut der dominikanischen Laien. Wir haben Häuser in Prag, Olmütz/Olomouc, Pilsen/ Plzeň, in Deutsch Gabel / Jablonné v Podještědí, wo sich das Grab der hl. Zdislava befindet, ferner den Wallfahrtsort in Ungarisch Brod / Uherský Brod, wo die altehrwürdige der Rosenkranzmadonna geweihte Kirche ist, die Niederlassung in Znaim/Znojmo, wo wir als Geistliche für die Schwestern unseres Ordens eingesetzt sind. Außerdem leitet die Kongregation eine kirchliche Schule sowie Studentinnenwohnheime beziehungsweise solche für Auszubildende in Prag und in Brünn/Brno. Ich denke, daß es Grund genug gibt zu danken, und die Gegenwart ist eine wirklich große Herausforderung für den Dominikanerorden in unserem Land.

 

Vechta, BRD, 23. 1. 2016

+Dominik Kardinal Duka OP

Erzbischof von Prag und Tschechische Primate

 

Aus dem Tschechischen übertragen von Petronilla Cemus.

 

Empfang für Dominik Kardinal Duka OP, Erzbischof von Prag im Vechtaer Rathaus