Dominik kardinál Duka OP 
arcibiskup pražský

Predigt bei der Heiligen Messe anlässlich der Tagung europäischer Hospitaliter

Predigt bei der Heiligen Messe anlässlich der Tagung europäischer Hospitaliter

Tagung europäischer Hospitaliter wurde durch den Souveränen Orden der Ritter von Malta am 16. März 2012 in Prag veranstaltet. Die Heilige Messe hat Kardinal Duka in der St. Wenzelskapelle der Kathedrale der hll. Veit, Wenzel und Adalbert zu Prag zelebriert.

22. März 2012
Predigten

Sehr verehrte Damen und Herren, Mitglieder des Souveränen Malteser-Ritter-Ordens, Schwestern und Brüder in Christo, liebe Gäste!

Wir hörten die abschließenden Verse des Propheten Hosea. Sein Aufruf „Kehr um, Israel“ kann uns an jenen des Hohenliedes erinnern. Es waren die Propheten Hosea und Jeremia, die die Wanderung der Israeliten aus der ägyptischen Knechtschaft durch die Wüste in das neue gelobte Land Kanaan als eine Hochzeitsreise auffassten. Die Erwählung des Volkes, die Schließung des Bundes mit ihm hatten keine andere Ursache als die Liebe Gottes zu seinem Volk. So entsteht jene mystische Vision des Herrn als Bräutigam und des Volkes Israel als Braut. Diese Gedankenwelt öffnete dem Hochzeitslied, genannt Hohelied, die Tür zur Gesamtheit der Bücher der Heiligen Schrift. Deshalb konnte auch Rabbi Akiba, das Hohelied verfechtend, erklären, dass, falls die anderen Bücher der Schrift heilig seien, dieses das heiligste von ihnen sei. Dies ist auch der Grund, warum in der Synagoge in der Osterzeit bis auf den heutigen Tag das Hohelied gelesen wird. Uns führt es an das Ziel des Weges, in den Abendmahlssaal in Jerusalem, wo unser Herr während der ersten Eucharistiefeier den neuen Bund schließt und das einzige Gebot einsetzt, das Gebot der Liebe zu Gott und zum Menschen. Unsere Liebe zum Nächsten ist das Maß unserer Liebe zu Gott: Was ihr für einen meiner geringsten Brüder getan habt, das habt ihr mir getan. Der Abendmahlssaal in Jerusalem ist also auch die Geburtsstätte des Hospitalordens, der den Dienst am kranken Menschen als Dienst am Herrn selbst versteht. Der Kranke, der Ohnmächtige, ist nicht auf sich selbst angewiesen, sondern auf Ihren Dienst. Es ist der Dienst an dem, der als Ohnmächtiger das Gesetz der Nächstenliebe erfüllt. Daher gehört zur Verfassung Ihres Ordens der Grundsatz „Unsere Herren sind die Kranken“, denn er bestätigt die Authentizität unseres Dienstes an dem einen Herrn, dem Herrn über Leben und Tod, dem einen Herrn, der gesund macht. Diese Devise galt als Leitsatz für alle Spitäler des christlichen Europa.

Die industrielle Revolution und der Sturz alter Ordnungen führten im neunzehnten Jahrhundert zum Chaos in der Sozial- und Krankenpflege. Liberale Staaten standen ratlos da. Zahlreiche junge Frauen weihten ihr Leben dem Herrn und dem Dienst an kranken Menschen. Unterstützt wurden sie oft durch junge Kapläne, die ihre Inspiration bei den Schutzheiligen großer mittelalterlicher Orden suchten. Bis zur Mitte des zwanzigsten Jahrhunderts und nur gegen ein kleines Entgelt für eigene Kleidung und Nahrung arbeiteten in den Krankenhäusern Europas Hunderttausende von Ordensschwestern. Es war ein Dienst am leidenden Erlöser. Im Sinne der erwähnten Maxime wurden aus den Kranken Patienten, denen die liebevolle und opferwillige Fürsorge galt. Die eigene Opferbereitschaft der Schwestern ermöglichte es, ein Netz der Gesundheits- und Sozialpflege zu errichten, von der außer der westlichen Zivilisation alle anderen nur träumen konnten.

Gegenwärtig leben wir in einer schwierigen posttechnischen und postmodernen Gesellschaft, in der Zeit einer dritten historischen Völkerwanderung; vielen scheint es, es sei alles erlaubt, man müsse an keine Prinzipien und Leitmotive mehr gebunden sein. Andere wieder sehnen sich angstvoll nach einer Rückkehr alter Zeiten. Aus dem Patienten wurde ein so genannter Klient, nicht mehr verbunden mit der Gestalt des leidenden Erlösers. Retten sollen ihn nun im Geiste der wirtschaftlichen Revolution das Geld und dessen Kathedralen, die Banken, von denen man sich die Rettung des ganzen in einem Kollaps begriffenen Gesundheitssystems der westlichen Zivilisation erhofft. Ich will jedoch nicht alles mit dunklen Farben schildern. Die Notwendigkeit der Reformen im Gesundheitswesen, hervorgerufen durch die revolutionäre Entwicklung neuer, aber enorm kostspieliger Verfahren, zwingt zur Suche nach einem neuen Weg. Bislang scheint dieser Weg leider nicht im Zentrum des Interesses des Menschen zu liegen. Wenn der Mensch nicht als Ebenbild Gottes verstanden wird und der Dienst am Menschen nicht als Dienst an Gott, zeigt es sich, dass die Sorge um den kranken Menschen zum bloßen Nebenprodukt des stets wachsenden Molochs unserer Zeit wird.

Ich wünsche Ihnen, der Grundsatz Ihres Ordens und Ihre opferwillige Tätigkeit mögen ein Licht und ein entscheidendes Wort in die Diskussion über die Zukunft unseres Gesundheitswesens und des Sozialsystems bringen. Amen.

Kardinal Dominik Duka OP